Niveaulosigkeit
Was für eine Scheiße. In der aktuellen Ausgabe des ZEIT Campus Magazins wurde an und für sich ein interessantes Thema aufgegriffen: YouTube-Videos von Vorlesungen populärer Wissenschaftler. Eines dieser Videos ist eine Vorlesung des Philosophen Jürgen Habermas an der Purdue University im Jahr 2007. Anstatt sich inhaltlich mit dem Vortrag auseinanderzusetzen, bringt es die Autorin Chris Köver fertig, sich auf unwichtige Randdetails, wie die Tatsache, dass Habermas mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte geboren wurde, zu konzentrieren. Man könnte ihr das fast noch verzeihen, hätte sie sich wenigstens über das Thema informiert. Hat sie nicht.
Das Grauen beginnt im vierten Satz:
“Habermas wurde mit einer Hasenscharte geboren.”
Recherche hilft. Hätte die Autorin auch nur ein einziges Mal Google benutzt, wäre sie bei der Suche nach Hasenscharte an erster Stelle auf den Wikipedia-Artikel zur Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte verwiesen worden. Dort steht fast ganz zu Beginn:
Umgangssprachlich wird die Lippenspalte oft als „Hasenscharte“ bzw. die Gaumenspalte als „Wolfsrachen“ bezeichnet. Diese Bezeichnungen werden von Betroffenen meist als diskriminierend empfunden.
Allein das ließe sich noch verzeihen, doch auf den sprachlichen Fehlgriff folgt der nächste Fauxpas:
“Jedes Wort ist eine Anstrengung für ihn.”
Schön, dass die Autorin das so genau weiß. Ich halte das für eine kühne Unterstellung. Nur weil Habermas schwer verständlich ist, bedeutet das nicht, dass es ihn auch anstrengt zu reden. Um das mal auf ZEIT-Campus-Niveau zu sagen: Das ist ein bisschen so wie mit Dieter Bohlen. Nur weil dessen Gesang schwer erträglich ist, heißt es nicht, dass ihm das Singen Schmerzen bereitet.
Und es geht weiter, mit einer Frage:
Was hat ihn bewegt, ausgerechnet einen Beruf zu wählen, der vor allem vom Sprechen lebt?
Mal scharf nachdenken. Hmm, was könnte ihn wohl bewegt haben? Möglicherweise die Vorstellung, dass eine wissenschaftliche Karriere auch unabhängig von körperlichen Einschränkungen möglich sein sollte? Sich nicht so sehr von einer angeborenen Behinderung aus der Bahn werfen lassen, dass man die eigenen Interessen und Ziele aufgibt?
Doch das reicht nicht. Zum Schluss versucht sich die Autorin in Zynismus und rät den ZEIT-Campus-Lesern:
Für die Nacht vorm Referat: Wenn der’s schafft, schaff ich’s auch!
Großartig. Endlich mal so richtig unbekümmert nach Menschen mit Behinderungen treten. Motto: Besser als die sind wir allemal. Vielen Dank, liebe ZEIT. Wer redigiert eigentlich bei euch die Texte? Und ist dies das neue Niveau auf dem Habermas bei euch diskutiert wird?
Aktualisierung vom 2. November 2011: Die Autorin hat in einem Kommentar Fehler eingeräumt. Im Artikel selbst steht der Unsinn leider weiterhin - unkommentiert.
Aktualisierung vom 3. November 2011: Ach herrje. In den Kommentaren zum Artikel hat sich jetzt auch ZEIT-Campus-Redakteur Justus Bender zu Wort gemeldet. Er verteidigt den Text mit den Worten: “In jeder Zeile drückt der Text von Chris Köver […] Respekt aus”. Ich lass das mal so stehen.